Chinas KI-Überraschung: Deepseek und der Wettlauf um die Zukunft

Roboterhaende halten ein AI-Hologramm
Foto: PantherMedia/BiancoBlue
Die Diskussion um Anlagechancen durch KI fokussiert sich aktuell vor allem auf die Grundlagentechnologie.

Künstliche Intelligenz bleibt ein heißes Thema an den Aktienmärkten – angetrieben von intensivem Wettbewerb und rasantem technologischen Fortschritt. Für Aufsehen sorgt derzeit das chinesische Start-up DeepSeek, das mit seinem neuen R1-Modell etablierte Annahmen zu Skalierungsgesetzen infrage stellt.

Statt Größe setzt DeepSeek auf Effizienz – sowohl bei der Datennutzung und Rechenleistung als auch bei der Optimierung von Chips. Dies wirft zentrale Fragen auf: Steht die KI-Branche vor einem Wendepunkt? Welche Folgen gibt es für Marktführer? Justin Streeter, Portfoliomanager für US-Aktien bei Comgest, und Jimmy Chen, Portfoliomanager für chinesische Aktien bei Comgest, geben einen Einblick in die neuesten Entwicklungen und mögliche Auswirkungen auf die Aktienmärkte.

Mit dem R1-Modell hat das chinesische KI-Start-up DeepSeek einen Meilenstein erreicht – und bewiesen, dass technologische Führerschaft nicht allein eine Frage der Ressourcen ist. Während chinesische Nutzer bislang von führenden KI-Modellen wie ChatGPT oder Google Gemini ausgeschlossen waren, bietet DeepSeek nun eine heimische Alternative auf Augenhöhe. Die Folgen könnten tiefgreifend sein: Die Verbreitung von KI in China dürfte einen Schub erhalten, erste Industriepartnerschaften deuten auf weitreichende Anwendungen hin. Auch die Kapitalmärkte reagieren: Der Hang Seng Tech Index übertraf zuletzt den Nasdaq 100 – ein Signal für das wachsende Vertrauen in Chinas Innovationskraft. Trotz US-Technologiesanktionen zeigt DeepSeek, dass chinesische Ingenieure in der Lage sind, Weltklasse-KI zu entwickeln. Innerhalb von nur einer Woche übertraf DeepSeek das AI-Modell von OpenAI als meist heruntergeladene kostenlose App im App Store.


Das könnte Sie auch interessieren:

Ist weniger mehr?

DeepSeeks R1-Modell stellt ein bisheriges Paradigma der Chip-Industrie infrage: Höhere Rechenleistung ist nicht zwingend von leistungsstärkeren Chips abhängig. Aufgrund von US-Exportbeschränkungen musste das chinesische Start-up ohne Nvidias modernste Hardware auskommen – und entwickelte dennoch ein konkurrenzfähiges KI-Modell. Dies wirft Fragen über die Abhängigkeit von US-Technologieführern auf. Die Konsequenzen könnten weitreichend sein: Günstigere Rechenkosten, eine breitere KI-Nutzung und neue Anwendungen in Branchen von Healthcare bis Unterhaltung. Als Open-Source-Modell ist R1 für jedermann zugänglich – und könnte die Integration von KI für Unternehmen jeder Größe revolutionieren. Die Debatte um Open- vs. Closed-Source-KI erhält durch DeepSeek neuen Schub. Während Open-Source-Befürworter Innovation und Zugang fördern, setzen Google, Microsoft und Amazon auf geschlossene Modelle. Meta bildet mit Llama eine Ausnahme, verlangt aber eine Umsatzbeteiligung ab 750 Millionen Dollar. Zudem wirft die Nutzung proprietärer Modelle für Open-Source-Training, wie bei DeepSeek-R1, Fragen zur Fairness auf. Start-ups wie Mistral profitieren von kleineren, lokal betreibbaren Open-Source-Modellen mit höherer Datensicherheit. DeepSeek nutzt Open-Source, um Talente anzuziehen und sich in China als Innovationsführer zu positionieren – doch die langfristige Finanzierung und staatliche Einflussnahme bleiben unklar. Fragen zu Ressourcen, Belegschaft und Datenpraktiken bleiben offen. Zudem entspricht DeepSeeks Modell den chinesischen Zensurvorgaben, was Bedenken über mögliche Auswirkungen auf US-Nutzer schürt.

Luxusklasse VS smarter Alltagswagen

Die Wahl zwischen OpenAI oder DeepSeek gleicht der Frage, ob es wirklich ein Maserati sein muss, um von A nach B zu kommen – oder ob ein Minivan nicht ebenso gut den Zweck erfüllt. Übertragen auf den KI-Markt heißt das: Unternehmen müssen möglicherweise nicht mehr 30.000 US-Dollar für einen einzelnen Nvidia-Grafikprozessor ausgeben, sondern könnten ihre KI-Ziele auch mit kostengünstigeren Prozessoren erreichen. Dies würde die Prognosen zur Nachfrage nach teuren High-End-Chips deutlich komplizierter machen. Der Markteintritt von DeepSeek war in jedem Fall ein klarer, kurzfristiger Weckruf, doch die langfristigen Auswirkungen auf das Wettbewerbsumfeld und die globalen Wertschöpfungsketten bleiben schwer abzuschätzen. Daher setzen wir bei Comgest auf Unternehmen mit gut diversifizierten Geschäftsmodellen und nachhaltigen Wachstumschancen. Wir gehen dabei über die reine Unternehmensanalyse hinaus und betrachten auch die angebundenen Lieferketten, Kunden und Mitbewerber. So schaffen wir Portfolios mit Unternehmen, die sich durch robuste, langfristige Wettbewerbsvorteile auszeichnen.

Vom Chip-Krieg zum Cloud-Rennen

Ein gutes Beispiel für die Relevanz eines robusten KI-Ökosystems ist Microsoft. KI-Erfolg hängt nämlich nicht mehr nur von Hardware ab, sondern von der Integration in bestehende Systeme. Microsoft ist hier mit 400 Millionen 365-Nutzern und einer engen OpenAI-Partnerschaft hervorragend positioniert. Besonders Microsoft Azure profitiert: Die Zahl der täglichen Nutzer des KI-Features Copilot in Azure verdoppelte sich, die Nutzung stieg um 60 Prozent. Der Markt wechselt von der Trainings- zur Inferenzphase, in der Effizienz zählt. Modelle wie DeepSeek-R1 senken Rechenkosten und stärken Unternehmen wie Microsoft und Meta, die KI für interne Abläufe und Kundenanwendungen nutzen. Meta erreicht täglich 3 Milliarden Nutzer, von denen 700 Millionen bereits mit KI-gestützten Chatbots interagieren.Tech-Giganten wie Microsoft, Oracle und Amazon investieren gezielt in eigene Sprachmodelle, um Unabhängigkeit und Marktstellung zu sichern. Gleichzeitig könnte DeepSeek die Monetarisierung chinesischer Cloud-Anbieter wie Tencent und Alibaba vorantreiben. Wir analysieren die kurzfristigen Entwicklungen weiterhin und leiten die langfristigen Implikationen für unsere Anlagestrategien ab.

Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Comments
Inline Feedbacks
View all comments