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Die Bröning-Kolumne: Risiko ohne Reue

Tim Bröning
Foto: Fonds Finanz
Tim Bröning

Der sogenannte Trump-Trade ist Geschichte. Mittlerweile macht das Wort der Trumpcession die Runde und der jüngste Zoll-Tsunami, verursacht durch den US-Präsidenten, schickt die Börsen auf Talfahrt. Was heißt das jetzt für Anleger?

Vergangenen Herbst wurde eine mögliche Trump-Präsidentschaft in den USA noch eindeutig von Anlegern gefeiert. Lange abgestrafte Bereiche des Aktienmarktes schwangen sich zu einer Aufholjagd auf. Wohlgemerkt zwischenzeitlich, denn der sogenannte Trump-Trade, von dem Industrietitel und Nebenwerte am stärksten profitierten, ist ins Stocken geraten. Das chinesische Jungunternehmen DeepSeek stellte währenddessen die Vorherrschaft der USA bei den Prozessoren für Künstliche Intelligenz in Frage und Russland erlebt auf der Weltbühne durch die unerwartete Unterstützung der USA neue weltpolitische Relevanz. Die Vereinigten Staaten verfolgen unter Trump nun selbst eine imperialistische Politik, die nach dem Besitz Kanadas, Grönlands und Panamas strebt. Aus der jüngsten Bundestagswahl gehen die politischen Ränder gestärkt hervor und China trainiert eine Invasion Taiwans. Kurzum, die weltpolitische Lange war in den letzten 70 Jahren selten unsicherer.


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Politische Börsen haben normalerweise kurze Beine, aber in den kommenden Monaten und Jahren dürfte es zu Verwerfungen kommen, wenn die Märkte die verschiedenen geopolitischen Szenarien zunächst ein- und dann wieder auspreisen. Trump ist derzeit politisch höchst aktiv und kündigt beinahe im Tagesrhythmus neue protektionistische Maßnahmen, wie beispielsweise zuletzt weltweite Zölle, an. Gleichzeitig scheint er auch die Weltordnung nachhaltig verändern zu wollen, indem er sich Autokraten annähert und Europa zum Rivalen erklärt. Dies macht eine langfristig erhöhte Volatilität an den Märkten wahrscheinlich. Zumal gerade Vorhaben wie Einfuhrzölle oder auch die Friedensverhandlungen zwischen Moskau und Washington bereits drastische Auswirkungen auf die Börsenkurse hatten. Schon die Handelskriege der ersten Trump-Amtszeit führten bekanntlich zu deutlicher Unruhe im Markt.

Vollgas-Anlegern erging es bisher am besten

Die letzten Jahre wurden vor allem jene Anleger belohnt, die mit ihrer Anlagestrategie fest auf das Gaspedal drückten. Je höher sie die Aktienquote hielten und je konzentrierter sie auf die teuer bewerteten Big-Tech-Werte setzten, desto besser war das Ergebnis. Noch heute findet sich dadurch in vielen Anlegerportfolios ein Übergewicht der „Glorreichen Sieben“-Aktien. Doch die letzten Monate haben gezeigt, wie schnell und wankelmütig sich Trendwechsel an den Kapitalmärkten abzeichnen können. Die einstigen „Glorreichen Sieben“ brachen seit Jahresstart in Euro gerechnet um rund 19 Prozent ein.

Gerade für Anleger, die einseitig und mit maximaler Aktienquote investieren, bedeuten solche Phasen des Umbruchs jedoch erhöhte Risiken. Vor allem drohen diesen Investoren hohe zwischenzeitliche Verluste. Solange man in den Gesamtmarkt und nicht in einzelne Pleitegeier-Firmen oder ausschließlich in bestimmte Sektoren anlegte, ließen sich diese Verlustphasen stets aufholen. Denn mit einem breit gestreuten Investment und genügend Ausdauer profitierten Anleger immer vom langfristigen Aufwärtstrend der Märkte. Einfach erklärt: Selbst, wenn sich einzelne Marktsegmente oder Firmen nicht mehr vollständig erholten, konnten Anleger mit diversifizierten Portfolios darauf bauen, dass der Markt als Ganzes diese Ausfälle kompensierte. So weit, so klar die Portfoliotheorie.

Tatsächlich erhielten Anleger mit den beliebten MSCI-World-ETFs in letzter Zeit eher ein gehöriges US-Tech-Gewicht als ein globales Engagement. Noch heute machen die „Glorreichen Sieben“ in diesen Produkten mehr als 20 Prozent des Portfoliogewichts aus.

Ein kleines Opfer, für den großen Erfolg

Doch Diversifikation kann noch wesentlich mehr für Anleger leisten. Ein Portfolio, das aus mindestens den zwei Anlageklassen Aktien und Anleihen besteht, kann je nach Aufteilung dieser beiden Komponenten das Verlustrisiko und die Verlusthöhe deutlich mindern. Mischt man zusätzlich noch Edelmetalle bei, verstärkt sich dieser positive Effekt. Anleger mussten für dieses Mehr an Sicherheit im Vergleich zu einem reinen Aktienportfolio zudem langfristig nicht nennenswert Rendite opfern. Je nach Mischverhältnis, ließ sich die Performance sogar erhöhen.

Dieser positive Effekt setzt jedoch eine geringe Korrelation der verschiedenen Anlageklassen im Portfolio voraus, wie es eben zwischen Aktien, Anleihen und Edelmetallen der Fall ist. Es lohnt sich aber neben dem Renditepotenzial und den Risikokennzahlen auch die Korrelation der einzelnen Investmentprodukte im Portfolio zu beachten. Je gegensätzlicher sich die Investments zueinander verhalten, desto ausgeprägter der diversifizierende Effekt.

Langfristige Daten des US-Vermögensverwalters MFS zeigen, dass Anleger in den 98 Jahren zwischen 1925 und 2023 mit einem reinen Aktienportfolio 10,5 Prozent Rendite pro Jahr erzielten, wobei sie in 75 Prozent der Zeiträume auf eine positive Entwicklung zurückblickten. Mit einem diversifizierten Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen, verdienten Anleger immer noch knapp 9 Prozent Rendite jährlich und steigerten die Zahl der positiven Zeiträume zudem auf 88 Prozent. Erhöhte man die Anleihequote aber weiter, nahm sowohl die Anzahl der positiven Zeiträume als auch die Rendite ab. Daraus wird ersichtlich: Für Anleger scheint es einen Sweet-Spot zu geben, in dem Rendite und Risiko besonders gut im Einklang stehen. Folglich konnten Anleger mit einem clever diversifizierten Portfolio die Anzahl, aber auch die Höhe der Verlustphasen deutlich verringern, ohne wesentliche Renditeeinbußen hinzunehmen.

Diversifikation hilft gegen psychologische Fallstricke

Eine entsprechend clevere Portfoliostruktur kann Investoren darüber hinaus helfen, psychologische Fallen zu vermeiden. Eine Strategie, die Verluste begrenzt und dennoch eine attraktive Gesamtrendite liefert, unterstützt dabei, Verlustängste im Zaum zu halten und Panikverkäufe in Verlustphasen zu vermeiden. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass der erfolgreiche Wiedereinstieg nach einem Panikverkauf sehr unwahrscheinlich ist, sodass Anleger, die angesichts ihrer risikoreichen Anlagestrategie die Nerven verlieren, Rendite vernichten. Somit müssen sich Investoren ganz individuell die Frage stellen, ob es nicht langfristig erfolgreicher wäre, in eine stabile, anstatt in eine Strategie mit den höchsten Renditeaussichten zu investieren.

Nur mit einem verhältnismäßig ausgewogenen Portfolio lässt sich zudem antizyklisch agieren und die Rendite erhöhen, ohne zusätzliche Mittel investieren zu müssen. Ein solches Portfolio bietet Anlegern die Möglichkeit, einen Teil des Geldes in zurückgebliebene und wenig korrelierte Anlageklassen umzuschichten, wenn sich die Chance ergibt. So lässt sich beispielsweise nach einem Einbruch an den Börsen das Verhältnis von Aktien zu Anleihen offensiver gestalten oder andersherum. Doch auch hierbei gilt es, nicht zu einseitig vorzugehen und nach einer Zeit wieder zur ursprünglichen Portfolioaufstellung zurückzukehren. Idealerweise sollten sich Anleger im Vorfeld klare Regeln setzen, wie groß der Kursanstieg oder -verlust sein muss, um aktiv zu werden. Nur so lassen sich klare und emotionslose Entscheidungen treffen. Besonders in unsicheren Marktphasen kann es zudem ratsam sein, per Sparplan den Durchschnittskosteneffekt für sich zu nutzen, vor allem, wenn man neu in den Markt einsteigt. Für Anleger, die ihre persönlichen Anlageziele auch wirklich erreichen wollen, zählt es, vor allem langfristig global investiert zu bleiben. Gleichzeitig lassen sich Stellschrauben finden, mit denen man dennoch die Rendite verbessern kann. Bei einem durchdacht aufgestellten, diversifizierten Portfolio können sich Anleger anhand historischer Daten sicher sein, dass es in Abwärtsphasen weniger verliert als der Aktienmarkt und sich zudem verlässlich wieder erholen wird. Ein solches Portfolio ermöglicht Investoren Risko ohne Reue einzugehen.

Autor Tim Bröning ist Mitglied des Beirats beim Maklerpool Fonds Finanz.

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