Ich bin Versicherungsmakler, mache seit Jahren Finanzaufklärung auf YouTube, TikTok und Instagram – und meine Videos landen regelmäßig genau dort, wo angeblich kein Platz für meine Zunft ist: im Klassenzimmer.
Dass hier etwas nicht zusammenpasst, ist offensichtlich. Der AfW Bundesverband Finanzdienstleistung fordert seit Langem ein verpflichtendes Schulfach „Wirtschaft und Finanzen“. Klingt nach einer überfälligen Idee in einem Land, in dem viele Erwachsene nicht wissen, wie eine Steuererklärung funktioniert oder warum Altersvorsorge mehr ist als ein Sparschwein. Doch die GEW bremst. Man müsse aufpassen, dass Schülerinnen und Schüler nicht zu „Konsumenten oder Kunden“ degradiert werden. Als wäre das schon das Schlimmste, was uns im Bildungssystem passieren könnte.
Natürlich braucht Finanzbildung eine gewisse Neutralität. Aber sie braucht vor allem eines: Realität. Und die findet nicht in der Theorie statt, sondern im Alltag – mit Absicherung der ersten Wohnung, der eigenen Arbeitskraft und der Altersvorsorge für später. Wer soll das glaubhaft vermitteln? Ein Lehrer, der meist an einen strikten Lehrplan gebunden ist und – wenn überhaupt – beim Thema Versicherungen und Finanzen nur ganz wenig Ahnung hat. Woher soll die Ahnung auch kommen? Denn in der Schule wird diese ja nicht beigebracht und Lehrer kommen quasi aus der Schule in die Schule – sie haben dieses Ökosystem nie verlassen.
Genau hier setzt der Vorschlag von AfW-Vorstand Norman Wirth an: Lehrer sollen künftig selbst Finanzkompetenz erlernen und Schulen sollen mit der Praxis zusammenarbeiten – auch mit Finanzvermittlern. Nicht, um Produkte zu verkaufen, sondern um echte Lebensrealität ins Klassenzimmer zu bringen. Der Vorwurf, wir kämen als getarnte Drückerkolonnen durch die Hintertür, ist schlichtweg albern. Als wären Schüler heute nicht mündig genug, Werbung von Bildung zu unterscheiden. Es dauert heute keine zwei Sekunden, da hat ein 16-Jähriger ein Video als Werbung auf TikTok erkannt und scrollt weiter.
Natürlich braucht es Regeln. Natürlich darf Finanzbildung kein Verkaufsseminar sein. Aber ist das ein Grund, echte Fachleute pauschal auszusperren? Ich finde nicht. Wenn ich an Schulen einen Vortrag halte, dann geht es immer um Aufklärung, nicht um Abschlussprovisionen. Und wenn Lehrer meine Videos im Unterricht zeigen (großes Lob an der Stelle an entsprechende Lehrkräfte), dann tun sie das, weil der Stoff scheinbar nicht nur wichtig ist, sondern auch verständlich erklärt wurde.
Nicht alle Jugendlichen haben zu Hause jemanden, der ihnen den Unterschied zwischen ETF und Bausparvertrag erklärt. Wer also verhindert, dass finanzielle Bildung dorthin kommt, wo sie dringend gebraucht wird, leistet Bevormundung – keine Bildung. Finanzkompetenz ist ein Teil der Allgemeinbildung. Und ja, sie darf – und muss vielleicht sogar – auch „praktisch“ sein. Denn genau das brauchen die Kids später im Leben: Praxis.
Statt Vermittler aus Prinzip auszuschließen, sollte man uns besser kontrolliert einbinden. Schulische Qualitätssicherung funktioniert schließlich auch in anderen Bereichen. Warum nicht auch bei der Finanzbildung? Und bitte nicht wieder das Argument, es sei „kein Platz mehr im Lehrplan“. Wenn wir genug Zeit für Gedichtinterpretationen haben, dann sollten wir auch erklären können, welche Absicherungen man im ersten Job nach der Schule braucht.
Mein Fazit: Finanzbildung ist kein nettes Extra – sie ist eine Notwendigkeit. Und die Frage sollte nicht lauten: „Dürfen Vermittler in die Schulen?“, sondern: „Warum sind sie nicht längst da?“. Denn wenn YouTube-Videos im Unterricht helfen, dann sollte man vielleicht aufhören, über Vorurteile zu schnellen Schlüssen zu kommen, sondern wir sollten uns lieber darauf fokussieren, wie für die Schüler ein echter Mehrwert für das echte Leben nach der Schule geschaffen werden kann.
Autor Bastian Kunkel ist Finanzfachwirt (FH) und Gründer des Onlineversicherungsmaklers „Versicherungen mit Kopf“ mit aktuell über 850.000 Followern auf YouTube, Instagram, TikTok und LinkedIn. Er ist zudem Spiegel-Bestseller-Autor.