Michael Nizard, Head of Multi Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild AM: „Wie Trump bekanntgab, soll ab dem 5. April 2025 ein genereller Einfuhrzoll von 10 Prozent auf alle Importe in Kraft treten – mit Ausnahme von Kanada (bereits mit 25 Prozent belegt) und Mexiko. Ab dem 9. April folgen zusätzliche, länderspezifisch ausgestaltete Strafzölle, die sich an der ‚Aggressivität‘ im Handel bemessen. Die Logik hinter dem Maßstab: Entscheidend ist nicht die Höhe der tatsächlich gezahlten Zölle, sondern das Handelsbilanzdefizit mit den USA. So trifft es China besonders hart – mit einem zusätzlichen Aufschlag von 34 Prozent, der Trumps Wahlkampfversprechen eines 60-Prozent-Zolls bereits recht nahekommt. Die EU muss mit 20 Prozent rechnen – deutlich mehr als bislang erwartet. Auch asiatische Staaten wie Vietnam werden stark belastet: Dort greift ein sogenannter ‚Reziprozitäts-Zoll‘ in Höhe von 46 Prozent – eine Maßnahme, die offenbar verhindern soll, dass chinesische Waren über Drittländer in die USA gelangen.
Das Basismodell mit 10 Prozent wird von republikanischer Seite als Finanzierungsquelle für geplante umfassende Steuersenkungen verkauft – das jedoch ist allenfalls der geringste Effekt dieses neuen Preisschocks. Da eine vollständige Rücknahme der Aufschlagszölle als unwahrscheinlich gilt, dürfte die tatsächliche Belastung spürbar höher ausfallen. Schätzungen zufolge würde der gewogene durchschnittliche US-Zollsatz im internationalen Handel von derzeit 2,3 Prozent auf 23 Prozent steigen.
Für Trump sind Zölle auch ein Verhandlungsinstrument. Die Zusatzbelastungen könnten je nach Verhandlungsverlauf angepasst werden – etwa durch Gegenleistungen wie eine Senkung bestehender Abgaben, eine Reduktion von Regulierung oder die Verlagerung von Produktionsstandorten in die USA. Dennoch wird mit deutlichen Auswirkungen auf Wachstum und Inflation gerechnet: Laut Konsensprognose dürfte das US-Bruttoinlandsprodukt 2025 um etwa 1,5 Prozent sinken, während die Inflation binnen Jahresfrist um 1,5 Prozent steigen könnte.
Für Europa erscheinen die direkten Effekte bislang abgemildert – nicht zuletzt durch die Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar sowie durch die Erwartung günstigerer Importpreise aus China, das nach alternativen Absatzmärkten sucht. Die EU plant zwar sektorale Unterstützungspakete, doch abgesehen von einem 25-Prozent-Zoll auf Fahrzeuge liegen bislang keine Details zur US-Zollpolitik nach Branchen vor. Besonders betroffen sind Deutschland und Italien.
Mit potenziellen Gegenmaßnahmen der betroffenen Länder und langwierigen Verhandlungen dürfte die Volatilität an den Märkten steigen – ebenso wie das Risiko einer Rezession. Ein Worst-Case-Szenario ist dabei nicht ausgeschlossen: Auch wenn es von Trump bislang nicht offiziell angesprochen wurde, kursieren in Washington bereits Überlegungen zu einem sogenannten ‚Mar-a-Lago-Abkommen‘. Der von Trump-Berater Stephen Miran entwickelte Vorschlag zielt darauf ab, internationale Handelspartner wirtschaftlich unter Druck zu setzen, um das globale Währungssystem neu zu ordnen – mit dem Ziel eines strukturell schwachen US-Dollars.
Voraussetzung für solche Verhandlungen wäre ein eskalierender Handelskonflikt, in dem sich die USA bewusst in eine starke Position manövrieren – notfalls um den Preis einer Rezession.
Vor diesem Hintergrund bleiben wir bei unserer strategisch ‚bearishen‘ Haltung gegenüber dem US-Dollar. Auch wenn das Mar-a-Lago-Szenario derzeit nicht offen kommuniziert wird, ist es konkret genug, um in der Risikoabwägung berücksichtigt zu werden. Bei Aktien bleiben wir strukturell vorsichtig positioniert, insbesondere mit Blick auf Industrieländer. Kurzfristig könnten geplante steuerliche Entlastungen jedoch vorübergehend für eine Erholung an den Märkten sorgen.
Am Rentenmarkt wiederum sehen wir die Notenbanken vor einer besonders schwierigen Aufgabe: Angesichts anhaltend hoher Inflation, steigender Inflationserwartungen und zunehmender Risiken durch die neue Wirtschaftspolitik scheint ein neutraler Kursderzeit angemessen.“

Michael Nizard (Foto: EdR AM)