Wir stechen in See: kostenlose Infrastrukturvorleistung
In Portugal betreten wir unser Schiff – es heißt Kujenga. Und wenn wir so am Bug unseres Schiffes stehen und um uns herum nichts sehen als unendliches Blau, dann können wir einen Anhaltspunkt finden, warum wir so verschwenderisch umgehen mit diesem Planeten und seinen Ressourcen: Scheinbar unendlich liegen sie vor uns. Über Jahrhunderte hat sich im menschlichen Denken wie im unternehmerischen Handeln das geläufige Bild eingeprägt, dass Wasser, Luft und Böden schon irgendwie einfach so „da“ seien – als eine Art nicht weiter reflektierte Infrastrukturvorleistung. Doch auch für das Leben im und am Wasser lässt sich die traurige Bilanz fortführen: Blauwal, Korallen und Riesenmanta – sie stehen hier stellvertretend für hunderte mariner Arten, die bedroht sind durch exzessive Fischerei, Dynamitfischen, Umweltgifte, versauerte Ozeane und 100 Kilometer lange Fangleinen, besetzt mit 20.000 Haken voller Köder.
Wenn Sie sich fragen, warum unser Schiff einen so eigentümlichen Namen trägt: Kujenga ist das Kiswahili-Wort für „Bauen“ – wer Kinder hat, der ahnt, dass dieses Wort Namenspate steht für das Spiel „Jenga“. Man baut dabei aus gleichförmigem Klötzchen einen Turm, zieht dann immer einen Klotz aus dem Turm heraus und legt ihn obenauf – so lange, bis der Turm zusammenbricht. Der Turm ist Sinnbild für unser Ökosystem: Von der kleinsten Mikrobe bis zum größten Säuger baut alles aufeinander auf. Der Turm bleibt stehen, wenn man wenige Teile herauszieht. Doch wir wissen weder, aus wie vielen Klötzchen unser Turm besteht, noch wie viele oder welche schon entnommen wurden. Jährlich sterben bis zu 58.000 Tier- und Pflanzenarten aus; bis zu 18.000 neue Arten werden jedes Jahr neu entdeckt und beschrieben, darunter auch ausgestorbene oder fossile Lebewesen, Bakterien oder Viren.
Wir wissen nicht, wann der Turm in sich zusammenfällt, denn Biodiversität ist nicht nur komplex, weil es so viele und noch mehr unbekannte Arten gibt. Sondern auch, weil wir noch gar nicht verstehen, wie genau alles zusammenhängt. Und doch entfernen wir munter immer weitere Klötzchen aus unserem Turm oder schieben sie an andere Stellen, ohne dass wir je etwas von der Statik des Turms verstanden haben. Anders als beim Klimawandel kündigen sich Kipppunkte des Biodiversitätsverlustes nicht durch Stürme, Überflutungen oder Dürren an. Dieser Prozess, den wir Artenschwund nennen, geht langsam und schleichend. Zuerst verringern sich die Bestände. Dann verschwinden einzelne Populationen, dann kommt die Art nicht mehr in allen Teilen ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes vor, sondern nur noch in einzelnen Regionen. Und irgendwann ist sie ausgestorben. Es steht fest, dass wir diese Kipppunkt irgendwann erreichen werden. Wie lange wollen wir als Gesellschaft noch warten, um das zu verhindern?
Haben Sie schon einmal Bekanntschaft mit Bothrops jararaca oder Salix alba gemacht? Wenn Sie jetzt denken „Nein, kenne ich nicht“, dann kann ich den meisten von Ihnen wohl erwidern: Sie irren sich! Hinter Salix Alba versteckt sich die Silberweide, die Ursprung für den Wirkstoff von Aspirin ist; hinter Bothrops jararaca die Jararaca-Lanzenotter, die Ausgangspunkt war für ACE-Hemmer zur Behandlung von Bluthochdruck. Auch diese Aufzählung lässt sich fortsetzen: Fast alle Antibiotika wurden aus Mikroben entwickelt. In den 1980er Jahren machten Forscher in Australien eine sensationelle Entdeckung: Der Maulbrüterfrosch, der seinen Nachwuchs nicht auf dem Rücken ausbrütet, sondern im eigenen Magen. Ein besonderes Sekret verhinderte, dass die Magensäure dem Nachwuchs schadete. Er galt als Hoffnungsträger für Medikamente gegen Magengeschwüre – da starb der Frosch aus und mit ihm Millionen Jahre Evolution. In allem, was kreucht und fleucht, schlummert ein unfassbares Potenzial für die Medizin – und erst die Hälfte der höheren Pflanzenarten wurde bisher auf ihren Nutzen für pharmazeutische Produkte untersucht; bei Mikroben und marinen Lebewesen steht die Forschung sogar erst am Beginn der Entwicklung neuer Medikamente. Doch Arzneipflanzen werden zum Großteil aus Wildbeständen bezogen. Diese Pflanzenpopulationen sind rückläufig und etwa eine von fünf Arten ist vom Aussterben in der Wildnis bedroht. Doch „Ohne Moos nichts los“ darf man hier gern mal wörtlich nehmen.
Der Rückgang der Artenvielfalt hat aber nicht nur Konsequenzen in irgendeiner fernen Zukunft, sondern bereits jetzt direkte Auswirkungen auf Ökosysteme, die für die Bereitstellung von Dienstleistungen wie sauberem Wasser, Luft und fruchtbaren Boden unerlässlich sind. Diese Dienstleistungen sind nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die langfristige Stabilität der Wirtschaft von entscheidender Bedeutung. Feuchtgebiete beispielsweise fungieren als natürliche Wasserfiltersysteme und Sturmbarrieren und sparen Milliarden an Kosten für Wasseraufbereitung und Katastrophenschutz. Wälder absorbieren Kohlendioxid, spielen eine wichtige Rolle bei der Klimaregulierung und verringern die wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels. Gesunde Böden und Bestäuber sind für die Ernteproduktion unverzichtbar. Ohne Bestäuber würden die Ernteerträge sinken, was zu höheren Produktionskosten, höheren Verbraucherpreisen und möglichen Nahrungsmittelknappheiten führen würde. Viele der von Ökosystemen erbrachten Leistungen sind öffentliche Güter und werden auf Märkten entweder unterbewertet oder derzeit überhaupt nicht eingepreist. Daher werden sie bei wirtschaftlichen Entscheidungen oft übersehen, was erhebliche Folgen für die Natur hat.
Die gegenwärtige Überlastung fast aller planetarer Grenzen zeigt uns, wie falsch unser Selbstverständnis war. Mittlerweile wissen wir, dass 50-100 Prozent der globalen Wirtschaftsleistungen von Ökosystemleistungen abhängig sind. Dazu kommt, dass in dieser globalen Wirtschaftsleistung die Dienstleistungen der Natur, die wir so lange als selbstverständlich hingenommen haben, noch nicht einmal berücksichtigt sind. Unternehmen, der Finanzsektor und politische Entscheidungsträger haben die wirtschaftliche Bedeutung von Ökosystemleistungen lange unterschätzt oder gar ignoriert. Die Versorgungsleistungen, wie die landwirtschaftliche Produktion von Lebensmitteln oder Holz, die direkt von der Artenvielfalt abhängt, ebenso wie Regulierungs- und Unterstützungsleistungen durch Bestäubung, saubere Luft, Wasser, Schädlingsbekämpfung oder Kohlenstoffbindung werden weder auf Märkten gehandelt noch direkt mit einem Geldwert versehen. Sie sind aber existentiell wichtig für alle Wertschöpfungsstufen, die ihnen folgen. Unternehmen, die ihre Geschäftspraktiken nicht im Einklang mit dem Erhalt der Biodiversität führen, setzen sich einem höheren Risiko aus. Zum Beispiel kann die Zerstörung von Lebensräumen zu Ernteausfällen, Lieferkettenstörungen oder steigenden Kosten führen. Nach einer Schätzung des Weltbiodiversitätsrates IPBES beträgt der ökonomische Nutzen allein von Bestäubern wie Wildbienen, Schwebfliegen und Schmetterlingen allein in Deutschland etwa 3,8 Milliarden Euro – weltweit sogar 577 Milliarden Euro. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt Norwegens im Jahr 2024.